Denkraum Suizid

In dem Kooperationsprojekt befassten sich Studierende und Lehrende des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin und des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin mit dem Thema Suizid.

Ziel war es, Suizid in seiner Alltäglichkeit zu durchleuchten und einen offeneren Umgang in der Öffentlichkeit anzuregen. Erreicht werden sollten sowohl unmittelbar Betroffene - Familienangehörige, Freunde, Kolleginnen - als auch Personen, die dem Thema bisher distanziert gegenüberstanden. Dabei kooperierte die Projektgruppe mit Partnern, die sich bereits um Aufklärung, Beratung und Prävention bemühen.

Im Zeitraum vom 10. September bis zum 09. Oktober 2009 wurde durch unterschiedliche Aktionen auf Suizid aufmerksam gemacht. Diese Konfrontation sollte anregen, Fragen zu stellen und dem Thema Raum für einen öffentlichen Diskurs geben. Um Suizid diskursiv in den Lebensalltag einzubinden, arbeitete die Projektgruppe mit direktem Berlinbezug. Dazu wurden wissenschaftlich-künstlerische Arbeiten auf den Grünflächen am Alexanderufer und vor dem Berliner Medizinhistorischen Museum installiert, die durch einen Container als zentralen Informations- und Begegnungsort ergänzt wurden. In der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums wurde ein Begleitprogramm angeboten, bestehend aus Diskussionen, Vorträgen und Präsentationen. Zeitgleich fand die Premiere des Theaterstückes "Sterben wollen alle mal" statt, das im Rahmen des Projekts entstanden ist. Ergänzend entsteht momentan eine Publikation, in der das Thema Suizid in Berlin verortet wird.

Alexanderufer

Einzelne Projekte

1. Theaterprojekt Plan X | Laura Sperber

Das Thema Jugendsuizid soll in diesem Projekt im Zentrum stehen bzw. sprichwörtlich "auf die Bühne gebracht" werden. Mit einer kleinen Gruppe von jungen Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren, die sich anlässlich eines Aufrufs zusammengefunden haben, wird ein Theaterstück erarbeitet, indem die eigenen Geschichten, Erfahrungen und Gedanken der TeilnehmerInnen zu diesem Thema verarbeitet werden. Das Stück wird im Sommer von einer weiteren Gruppe inszeniert und im Rahmen der Aktionswoche aufgeführt werden.
Darüber hinaus sind Diskussionen mit dem Publikum im Anschluss an die Aufführungen sowie weitere öffentliche Auftritte und die Einbindung von Internet und Film geplant.

2. Abschiedsbriefe: Der Himmel ist nicht teilbar | Anja Sommer

Für das Projekt werden rund 50 Abschiedsbriefe ausgewählt. Verschiedene Personen (Musiker, Schauspieler, Ethnologen, Ärzte), insbesondere Personen, die in irgendeiner Form mit dem Thema Suizid in Kontakt gekommen sind (z. B. eine Musikerin, die auf der Beerdigung eines Suizidenten gespielt hat), werden gebeten, einen Brief auszuwählen und ihn zu lesen, zu singen, zu vertonen, in Gebärdensprache zu übersetzen, etc.

3. Suizidbegriffe in verschiedenen Sprachen | Weronika Jakubowska

Suizid, Selbsttötung, Selbstmord, Freitod, Selbstentleibung, allein die deutsche Sprache verfügt über zahlreiche Begriffe, die ein und dasselbe Ereignis bezeichnen und unterschiedlich beleuchten. Ebenso bergen in anderen Sprachen die Bezeichnungen für Suizid unterschiedliche Wertungen. Daraus können Rückschlüsse auf den Umgang mit Suizid in den jeweiligen Kulturen gezogen werden.

4. Berufsrisiko: Wenn andere sich das Leben nehmen | Anja Sommer

Interviews mit Vertretern verschiedener Berufsgruppen - etwa aus den Bereichen Rechtsprechung, öffentlicher Nahverkehr, Bestattungswesen, Medizin und Pflege - die im Arbeitsalltag mit dem Thema Suizid zu tun haben. Thema ist die Vermischung persönlicher Empfindungen, Meinungen und Umgangsweisen mit den beruflichen. Die Befragten erfahren den Suizid anderer immer wieder und stellen Ihr Verhalten darauf ein. Kaum jemand hat je daran gedacht, seinen Job zu wechseln auf Grund der Gefahr, mit dem gewaltsamen Tod in Kontakt zu kommen.

5. Zurückbleibende nach einem Suizid | Maren Michligk

Gespräche mit Angehörigen von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Sieben Frauen und ein Mann berichten vom Suizid einer ihnen nahe stehenden Person. Mal ist es die Mutter, mal der Vater, mal ein Geschwister, mal (Ex-) Partner. Mal ist es erst zwei Monate her, mal bereits 27 Jahre. Die Zurückbleibenden berichten vom Erleben der ersten Zeit und den Jahren danach, versuchen sich mit Erklärungen, rollen das Leben des Suizidenten von seinem Tod aus auf, berichten von ihrem Umgang damit, von Veränderungen, Konflikten und Problemen, die sich nach dem Suizid auftaten.

6. Die Freiheit zu sterben oder die Pflicht zu leben | Judith Willkomm

Unabhängig von den individuellen Lebensumständen, die einen Menschen veranlassen oder verleiten, sich das Leben zu nehmen, fand - blickt man auf die Geistesgeschichte der Kulturkreise zurück - schon immer eine Diskussion über die generelle ethische Bewertung des Suizids statt.
Zu allen Zeiten haben Denker zu diesem Thema ihre Ansichten und Meinungen niedergeschrieben: Philosophen, Theologen, Soziologen, Mathematiker, Politiker, Intellektuelle.
Ich möchte das breite Spektrum an unterschiedlichsten Menschen und Zeitepochen aufzeigen, die die Frage nach dem richtig oder falsch, ja oder nein für sich beantworten konnten. Darüber hinaus werde ich versuchen, den Zwiespalt und die Gleichzeitigkeit beider Positionen darzustellen und die Aussagen durch anregende Fragen/Gegenüberstellungen in ein Spannungsverhältnis zu setzen.

7. Polizeinotizen/ Abschiedsbriefe | Michael Sacher

Recherchiert wurden Polizeiberichte zu Abschiedsbriefen von 1929-44 im Landesarchiv Berlin. Sie beinhalten die Abschiedsbriefe selbst sowie Angaben zu Orten, Art des Suizids und zur Person und dienen als Grundlage für eine Installation im Rahmen der Aktionswoche.

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